Rudolf

Senior Manager Healthcare & Research, EMC Deutschland

„e-health-Gesetz“ und Digitalisierung im Gesundheitswesen: Ein Aufruf zur Umsicht

Von Rudolf Maly, Senior Manager Healthcare & Research, EMC

Das e-health-Gesetz kommt: Es soll die Digitalisierung des Gesundheitswesens durch klar umrissene Projekte voranbringen. Per se ein guter Plan, aber: In den meisten Gesundheitsbetrieben fehlt es der IT an den notwendigen Grundlagen. Werden die nicht geschaffen, könnte die Digitalisierung scheitern. Deshalb brauchen Healthcare-CIOs außer dem Gesetz auch einen pragmatischen Plan für die Modernisierung ihrer Rechenzentren.

Das Bundesgesundheitsministerium macht Druck: Die Digitalisierung im Gesundheitswesen soll vorankommen. Zu diesem Zweck hat das Parlament das so genannte „e-health-Gesetz“ verabschiedet, samt Zielen, Fristen und Bußen für den Fall, dass bestimmte Vorhaben sich verzögern. Um es klar zu sagen: Das ist sicher ein guter Plan und zu begrüßen. Doch das Vorhaben birgt meiner Ansicht nach auch Risiken. Und die haben, wie so oft, mit der Umsetzung zu tun.

Kunden erzählen mir immer wieder: Das Gesetz könnte einige Organisationen dazu nötigen, den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun –  nämlich neue IT-Dienste und -Ressourcen anzuschaffen, ohne zunächst für die notwendigen Voraussetzungen zu sorgen. Das könnte eine Überforderung vieler IT-Organisationen zur Folge haben und die Digitalisierung des Gesundheitswesens zur Gänze gefährden.

Herausforderungen auch schon ohne e-health-Gesetz

Der IT-Reifegrad vieler Gesundheitsorganisationen ist weiterhin vergleichsweise niedrig. Und das nicht nur, weil die Kolleginnen und Kollegen in den IT-Abteilungen großer Krankenhäuser und Versicherungen mit veralteten, siloartigen Infrastrukturen, Ressourcen-Mangel und regulatorischen Erschwernissen zu kämpfen haben. Sondern auch, weil ihnen die Geschäftsführungen der jeweiligen Unternehmen noch immer nur wenig strategische Bedeutung beimessen.

So zeigte eine Untersuchung deutscher Krankenhäuser im Auftrag der Unternehmensberatung Inverto kürzlich: Für viele Krankenhaus-Manager ist die hauseigene IT keine gestaltende Geschäftseinheit, sondern etwas überspitzt formuliert die Truppe, bei der man anruft, wenn der Drucker nicht funktioniert.

Wie soll die IT-Organisation in einem solchen Umfeld Digitalisierung gestalten?

Die IT im Gesundheitswesen steht auch ohne e-health-Gesetz schon vor riesigen Herausforderungen. Jetzt einfach neue Anforderungen ins „Pflichtenheft“ der IT-Verantwortlichen zu schreiben, dürfte nur selten zum gewünschten Resultat führen – der Verbesserung von Effektivität und Effizienz in der Gesundheitsversorgung. Eine übereilte Vorgehensweise, bei der die IT bisweilen außen vor bleibt, würde bewirken, dass viele Möglichkeiten der Digitalisierung ungenutzt blieben. Weiter verschärft würde diese Fehlwirkung durch die oft ungenügende Finanzierung der meisten IT-Organisationen.

Erst die Grundlagen schaffen, dann modernisieren

Würde beispielsweise die „Digitale Patientenakte“ eingeführt wie vorgesehen, wäre das ein Fortschritt für Gesundheitsbetriebe und Patienten. Aber es wäre nur ein kleiner Teil dessen, was mit einer grundsätzlichen und nachhaltigen Vorbereitung der Digitalisierung möglich wäre.

Digitalen Akten bieten deutlich mehr Potenzial – nämlich dann, wenn wir sie mit den Verlaufsdaten aus medizinischen Geräten korrelieren könnten. Diese liegen heute schon vor, werden aber meist nicht genutzt. Auch eine Anbindung an die Krankenhaus-Informationssysteme oder die Warenwirtschaft ist möglich. Das würde nicht mehr nur die Verwaltung des Behandlungsvorgangs verbessern – sondern die gesamte Behandlung als solche. Und genau das ist doch eigentlich das Ziel aller Beteiligten.

Deshalb sollten Gesundheitsorganisationen zunächst die notwendigen Grundlagen zu schaffen, bevor sie ihre IT dann zügig modernisieren. Dazu gehört zuerst und vor allem die Anerkennung der IT-Organisation nicht nur als „Unterstützer“, sondern strategischen Partner und sogar Treiber innerhalb der Gesundheitsversorgung. Zudem muss der Investitionsstau, der schon lange in vielen IT-Abteilungen herrscht, umsichtige und schnelle behoben werden. Damit meine ich: Das schrittweise Modernisieren, Vernetzen und dann vollumfängliche Ausschöpfen der Technologien, über die viele Krankenhäuser und Versicherer schon heute verfügen.

Digitalisieren in sechs Schritten: Erst definieren, dann planen, standardisieren, vernetzen, modernisieren und personalisieren

Am Anfang dieser Transformation steht ein definiertes Ziel und natürlich das Planen. Allerdings nicht zum Selbstzweck. Unter einem definierten Ziel verstehe ich das Entwickeln einer gemeinsamen Vision darüber, was der digitalisierter Krankenhaus- oder Versicherungsbetrieb leisten soll – sowie das daran anschließende Ausarbeiten eines entsprechenden Plans. Beides sollten die IT-Verantwortlichen eines Hauses keinesfalls allein entwickeln, sondern mit Geschäftsführung und Fachbereichen gemeinsam Auch die in der Versorgungskette vor- und nachgelagerten Partnern wie Belegärzte, Praxen oder Apotheken sollten einbezogen werden.

Als nächstes kommt – zumindest im deutschen Gesundheitswesen – das Schaffen von Standards und Standard-Abläufen. Vor allem in Krankenhäusern fehlt beides häufig noch, weshalb nicht wenige Häuser über regelrechte „Insel-Imperien“ aus einzelnen IT-Lösungen verfügen, die nicht kompatibel oder zumindest nicht interoperabel sind. Allein hier ließe sich ein immenses Maß an Effektivität und Effizienz erschließen. IT-Verantwortliche können dieses Potenzial schnell heben, wenn Sie beispielsweise entscheiden, welche Services in-house bleiben, welche on-premise an Dienstleister übergeben und welche in die Cloud verlagert werden– und dann ein entsprechendes Governance-Modell entwickeln.

Sobald die Standards stehen, können die Häuser sich daranmachen, ihre vorhandenen IT-Ressourcen miteinander zu vernetzen. Werden etwa Krankenhaus-Informationssystem, Warenwirtschaft und medizinische Geräte miteinander verbinden, können Patienten- und Materialflüsse optimiert werden. Hiermit wäre in den meisten Betrieben, die ich kenne, schon „viel Digitalisierung für wenig Geld“ erreicht – ganz ohne neue Vorschriften, Dienste und Technologien!

Im vierten Schritt sollten die Häuser dann beginnen, ihre Umgebungen und Ressourcen zu optimieren, um mehr Schlagkraft und Innovationsfähigkeit zu gewinnen. Dazu können beispielsweise platzsparende, kostengünstige und einfach zu verwaltende konvergente Infrastrukturen beitragen. Aber auch der Aufbau hybrider Cloud-Umgebungen, in denen unkritische Dienste und Daten schrittweise in die Public Cloud verlagert werden, schafft mehr Flexibilität. Wichtig ist bei alledem, außer einem klaren Ziel auch einen guten Plan für das Managen des Übergangs von alter auf neue IT zur Hand zur haben. Schließlich gilt es, den sprichwörtlichen „fahrenden Zug“ umzubauen, ohne ihn anzuhalten.

Wirklich alle Chancen der Digitalisierung nutzen

Erst nachdem diese Transformation gelungen ist, sollten sich die Beteiligten daranmachen, die Digitalisierungsvorhaben umzusetzen, die der Markt oder auch das e-health-Gesetz vorgeben. Denn wer anders vorgeht, riskiert, die wirklich großen Chancen der Digitalisierung zu verpassen und sich stattdessen nur zusätzlichen Druck und Ärger einzuhandeln.