Dinko

Senior Vice President and Managing Director, Dell EMC Germany, Enterprise Sales

Industrie 4.0 und IT-Transformation: Es bleibt viel zu tun.

Von Dinko Eror, Vice President and Country Manager, EMC Deutschland

Die Industrie digitalisiert sich, und das nicht nur auf der Hannover Messe. Doch der Weg zu Industrie 4.0 ist lang, und er führt in jedem Fall über die Transformation der unternehmenseigenen IT. Deshalb sollten sich IT-Verantwortliche schnellstmöglich auf die Reise machen.

Die Hannover Messe verdeutlicht dieser Tage wieder: Die Industrieunternehmen machen sich auf den Weg in Richtung Industrie 4.0. Rund 31 Milliarden Euro werden die Firmen hierzulande in den kommenden fünf Jahren in entsprechende Vorhaben investieren, schreibt WiWo-Journalist Michael Kroker und berücksichtigt dabei Zahlen von PWC. Die IT-Verantwortlichen in den Industriebetrieben dürfte das unter Zugzwang setzen – ohne einen vorherigen, umfassenden Umbau von IT-Infrastrukturen und -abläufen werden viele der geplanten Industrie-4.0-Vorhaben nämlich nicht zu machen sein.

Veränderungsbedarf in der Industrie-IT

Tatsächlich verlangt die Industrie von morgen nach einer umfassenden Modernisierung dessen, was die Industrie-IT von heute noch ausmacht: Proprietäre Anwendungen und Schnittstellen etwa bei Manufacturing Execution-Systemen würden den Aufbau unternehmensübergreifender Wertschöpfungsnetze eher behindern als unterstützen. Legacy-IT-Umgebungen könnten die für eine Industrie 4.0 nötige Flexibilität niemals liefern. Und die Datenverwaltungs- und -auswertungsfähigkeiten der meisten IT-Organisationen sind derzeit so gering ausgeprägt, dass Unternehmen noch nicht einmal die bereits verfügbaren Daten wertsteigernd auswerten können.

Kurz gesagt: Bis Firmen Internet of Things, Cyber-Physical-Systems oder datengestützte Geschäftsmodelle wirklich nutzen können, bleibt noch einiges zu tun.

Eine Roadmap für Industrie-CIOs

Was das konkret ist, haben Alpha Barry und Jens Hartmann kürzlich in einem CIO.de-Beitrag derart prägnant zusammengefasst, dass ich sie hier einfach kurz zitieren möchte, statt meine eigenen Überlegungen zum Thema erneut wiederzugeben. Den beiden Experten zufolge umfasst die Roadmap für IT-Verantwortliche vor allem drei wesentliche Handlungsfelder, die sie in ihrem Text auch jeweils ausführlich beschreiben.

  1. Die Transformation der bestehenden IT-Organisation [hin zum] Rückgrat eines digitalisierten Industrieunternehmens
  2. Die Nutzbarmachung innovativer Technologien zur Sicherung und zum Ausbau von Wettbewerbsvorteilen
  3. Das Management der digitalen Infrastruktur als hochgradig standardisiertes und effizientes Operationsgeschäft

Von den drei Handlungsfeldern erscheint mir vor allem das erste bedeutsam. Denn es stellt die Voraussetzung für die übrigen Felder dar und ist deshalb in jedem Falle bevorzugt zu bearbeiten. Zweitens stellt es IT-Verantwortliche vor die vermutlich größte Herausforderung, nämlich den Umbau der „alten“ zu einer „neuen“ IT. Über diesen schreiben Barry und Hartmann: „Die [für den Umbau] notwendigen Re-Standardisierungen und der Rückbau von individualisierten Applikationen in gewachsenen IT-Landschaften im Produktionsumfeld beziehungsweise in Manufacturing Execution Systemen stellen den CIO vor eine große Herausforderung. Sie sind jedoch eine zwingende Voraussetzung für eine nachhaltig erfolgreiche IT.“ Dem habe ich – beinahe – nichts hinzuzufügen.

Das Wichtigste zuerst

Angenommen, Sie wären CIO in einem Industrieunternehmen und müssten morgen mit dem Umbau Ihrer Organisation beginnen. Was würden Sie tun?

Hier die Antworten, die ich geben würde:

Geschäftsziele in Technik-Ziele übersetzen:

Bei Industrie 4.0 geht es meinem (IT-)Verständnis nach um zweierlei: erstens um die Vernetzung möglichst aller an der Wertschöpfung beteiligten Unternehmen, Fertigungsstätten, Warengruppen, Produkte und Kunden zum Zweck von Datenaustausch und Erkenntnisgewinn. Und zweitens um die weitgehende Flexibilisierung und Automation von Fertigungs- und IT-Abläufen auf Grund dieser Daten; Letzteres mit dem Ziel der Möglichmachung von massenhafter Einzelfertigung. Im ersten Schritt der Transformationsplanung sollten sich die Verantwortlichen deshalb überlegen, was diese Ziele konkret für ihre IT-Organisation bedeuten. Welche Netzwerke und Schnittstellen brauchen wir? Wie schützen wir diese? Und, vor allem: Wie flexibilisieren und de-zentralisieren wir sowohl unsere IT-Umgebung als auch unsere IT-Organisation?

Technische Anforderungen präzisieren – mit Partnern!

Im nächsten Schritt gilt es, die technischen Anforderungen an die „neue“ IT im Unternehmen näher zu spezifizieren. Das würde ich keinesfalls allein tun, sondern sowohl mit Geschäftsführung und Fachbereichsmanagern aus dem eigenen Unternehmen als auch mit Vertretern von Zulieferern, Geschäftspartnern und, wenn machbar, Kunden. Schließlich geht es in der Industrie 4.0 um Vernetzung und Datenfluss auch über Unternehmensgrenzen hinweg. Die eigene IT-Transformation gänzlich allein zu planen, wäre also ein Fehler. Das heißt meiner Meinung nach nicht, dass CIOs gleich gemeinsame Investitionen mit Zulieferern oder Joint-Ventures mit Partnern planen sollten. Aber vielleicht lohnt es sich, beides zumindest durchzuspielen und gegebenenfalls sogar zu erproben?

Erforderliche Veränderungen planen und schrittweise umsetzen

Überhaupt, „erproben“: für mich ein Schlüsselbestandteil beim Transformieren der IT-Organisation. Ich würde für alle notwendigen technischen und organisatorischen Veränderungen nach der präzisen Spezifikation grobe Implementierungspläne erstellen – und diese dann soweit wie möglich agil umsetzen, sprich: Schrittweise implementieren, testen und verbessern, ohne den IT-Betrieb als solchen zu unterbrechen. Das mag sich schwierig anhören, ist es aber meiner Erfahrung nach nicht unbedingt: Gerade neuere Technologien wie Virtualisierung, Software-definierte Infrastrukturen und natürlich Cloud Computing vereinfachen ja das Auf- und Abbauen von IT-Umgebungen und Diensten; Software für Testautomation und Datenmigration machen es möglich, Risiken weitgehend auszuschließen

Handeln Sie jetzt!

Schlussendlich dürfte es keine allzu große Rolle spielen, ob die IT-Verantwortlichen in Deutschlands Industrieunternehmen meine Vorgehensweise billigen oder den Ausführungen der Herren Barry und Hartmann zustimmen würden. Wichtig ist ausschließlich, dass sie die notwendigen Veränderungen anstoßenund zwar umgehend. Denn auch das hat die Hannover Messe bestätigt: Wenn die derzeitigen Entwicklungen im Industriegeschäft anhalten, dann werden schon bald nur noch die Unternehmen wettbewerbsfähig sein, die ihre IT rechtzeitig transformiert haben. Wer die nötigen Veränderungen erst in drei oder gar in fünf Jahren angeht, dürfte demnach zu spät sein.